Das Dolfinarium, das uns nicht haben wollte
Umleitungen statt Delfine
Nach der gemütlichen Kaffeepause brechen wir um 10:42 Uhr wieder auf. Bis zum Dolfinarium in Harderwijk sind es noch 114 Kilometer. Das Navi spricht von einer Stunde und 28 Minuten, unser seit Jahrzehnten bewährter „Fährtles“-Faktor macht daraus eine Stunde und 58 Minuten. Wenn alles nach Plan läuft, müssten wir also gegen dreiviertel eins im Dolfinarium in Harderwijk sein. Kurz vor der A 3 tanken wir am Kuster Energy Point in der Ostermayerstraße in Emmerich den Wagen noch einmal randvoll. Das tun etliche Autos mit gelben Nummernschildern auch, denn in den Niederlanden ist der Sprit – wie gesagt – deutlich teurer. Da wir aber jetzt schon hier tanken konnten, können wir uns den Abstecher nach Kleve sparen.
Bis zur niederländischen Grenze läuft alles hervorragend. Nach der Grenze beginnt es leicht zu regnen, sodass ich spotte: „Heißt das jetzt ‚Niederlande‘ oder sollte man nicht konsequenterweise ‚Niederschlagslande‘ sagen? Zum Glück ist der Schauer schon nach wenigen Minuten wieder vorbei. Was nun folgt, ist dann aber ein richtiger Niederschlag! Denn eigentlich wollten wir ja gemütlich über die A 12, die A 30 sowie die N 303 und N 302 nach Harderwijk fahren. Doch gerade einmal 29 Kilometer hinter der Grenze ist die A 12 komplett gesperrt. Laut Rijkswaterstaat müssen Autofahrer heute mit deutlich längeren Fahrzeiten rechnen. Den Hinweis: „Nach Möglichkeit sollten Urlauber ihre Reise auf einen anderen Tag verschieben“, gab es am Dienstag noch nicht.
Na ja, nicht so tragisch, fahren wir bis Ede eben über Land und dann danach auf die A 30. Das macht gerade mal ne Viertelstunde mehr aus. Aber da habe ich nicht mit der holländische Autobahnmeisterei gerechnet, denn zwischen Lunteren und Barneveld ist die A 30 ebenfalls dicht. Also: „Plan B“. Oder doch eher „Plan Käse“. Notgedrungen geht es nun über Lunteren und Kootwijkerbroek durchs Hinterland. Wenigstens entschädigt die hübsche Puurveense Molen ein wenig für das Umleitungschaos.
- Puurveense Molen
- In ländlichen Gefilden
Je weiter wir fahren, desto mehr tauchen – gleich einem Mückenschwarm – überall Radfahrer auf: aus jeder Einfahrt, aus jedem Feldweg, aus kleinen Hofzufahrten und selbst aus Ritzen, wo man sicher war, dass dort gar kein Weg mehr hinführt, kommen sie raus. Es scheint so, als würden sie direkt aus dem flachen Boden herauswachsen. In Kootwijkerbroek werden am Waldhuisweg dann „verse eieren“ verkauft, direkt an der Straße – ländlicher geht es kaum. Über Stroe, Garderen und Ermelo arbeiten wir uns langsam Richtung Harderwijk vor. An der N 310 zwischen Stroe und Garderen säumen unzählige Kiefern die Straße. Hier kostet der Liter Benzin übrigens 2,179 € – eigentlich keine Meldung wert. Viel bemerkenswerter sind die Tiere, die wir links neben der Straße auf einer Wiese sehen: weiße Kängurus! Jetzt ist es also soweit … Entweder haben uns die vielen „Omleidingen“ versehentlich nach Australien geführt oder die Niederländer experimentieren neuerdings tatsächlich mit Beuteltieren statt mit Schafen.
Das mit Harderwijk soll wohl einfach nicht sein. Kurz vor Speuld – noch 14 km bis zum Ziel – wartet die nächste Umleitung. Bis zum 6 km entfernten Kreisverkehr geht’s zwar noch richtig flott, doch dann die Ernüchterung: Der Kreisverkehr hat nämlich drei Ausfahrten:
- eine Richtung Leuvenum/Harderwijk/Elspeet,
- eine Richtung Ermelo/Putten
- und eine zurück nach Apeldoorn.
Klingt auf den ersten Blick übersichtlich. Das Problem ist nur: Alle außer die zurück ist „afgesloten“. Umkehren ist aber keine Option. Susanne fragt einen Straßenarbeiter, der gerade die Wegafsluiting- und-Omleiding-Schilder aufstellt um Rat. Der reagiert erstaunlich gelassen, als wäre dieses Verkehrschaos völlig normal. „Omleiding negeren. Via Ermelo rechtsaf richting Tonsel.“ Na, wenn der’s sagt, fahren wir halt „via Ermelo“, egal, was das Schild „Uitgezonderd bestemmingsverkeer“ auch immer heißen mag. „Aber Harderwijk wäre doch geradeaus gewesen.“ „Susanne!“
Das Rätsel Harderwijk
Um dreiviertel eins – eine halbe Stunde nach der Zeit – sind wir dann auf der Ceintuurbaan südlich von Harderwijk und kurz danach an der Stelle, wo die N 302 (die Knardijk) über die Lorentzstraat führt – links McDonald’s, rechts „Ausfahrt Dolfinarium“. „Nach 70 m links auf die „Burgemeester de Meesterstraat“ abbiegen.“, sagt das Navi. Doch links geht‘s nur ins „Centrum“ oder zum Boulevard. Zum Dolfinarium geht es – laut Beschilderung – geradeaus. Also fahren wir geradeaus.
Nach 200 m geht’s dann doch mal links. Aber dort endet jede Hoffnung auf Delfine abrupt in der Zuidwalstraat und einem Kreisverkehr ohne erkennbare Perspektive. Wir nehmen die zweite Ausfahrt und landen – wie nicht anders zu erwarten – nach 100 Metern im nächsten Kreisverkehr, der wenigstens ehrlich ist: Von hier aus geht‘s nämlich nur zurück. Das Navi dagegen bleibt hoffnungslos optimistisch: „„in 250 Metern rechts.“ Jetzt vertrauen wir lieber ihm, das hätten wir vorhin auch tun sollen und nicht dem blöden „Dolfinarium-Schild“ folgen.
Doch die Visserijstraat ist gesperrt, ebenso die Waterstadboulevard und die Zuiderhoofd auch. Die Jantje Boonenstraat sowieso – alle dicht. Halt! Die Zuidwalstraat ist offen. Doch die führt uns schnurstracks auf die N 302 Richtung Süden, ohne jede Möglichkeit zu wenden. Die Entfernung zum Ziel wächst und wächst: sechs Kilometer, sieben, acht. Tendenz steigend. Es wirkt fast so, als hätte jemand das Dolfinarium absichtlich aus unserer erreichbaren Welt herausverlegt. Ich bin kurz davor, schnurstracks wieder nach Hause zu fahren. Andererseits: Wer weiß, was uns auf einer eventuellen Heimfahrt erwartet? Wahrscheinlich ist die A 3 jetzt auch gesperrt, die A 61 dicht und das heimische Garagentor wegen Bauarbeiten bis 2028 „afgesloten“.
Obwohl Susanne ja „nur“ Beifahrerin ist, ist sie ebenfalls schon am Rand der Geduld angekommen. Trotzdem hat sie noch genug Nerven, einen Handwerker zu fragen, der in der Jantje Boonenstraat gerade seinen Lieferwagen parkt. „Dolfinarium?“, fragt Susanne. „Vuurtoorenweg“ antwortet er.
- Letzter Versuch
- Leerer P8
Diesen Tipp übernehmen wir als letzte Hoffnung ins Navi und landen nach über einer Stunde Irrfahrt – immer um die gleiche Stelle herum – auf dem Dolfinarium-Parkplatz P8. Problem nur: Der Parkplatz ist – leer. Komplett leer. Kein einziges Auto weit und breit, kein Bus, kein Mensch, kein Lebenszeichen. Vielleicht gibt es das Dolfinarium ja gar nicht mehr? Beide stehen wir mitten in der niederländischen Mittagssonne und schauen uns ratlos an. D.h. so ganz allein steh’n wir nicht. Da steht noch eine einsame Bezahlsäule. Die verlangt – wenn ich das im gleißenden Sonnenlicht des praktisch unlesbaren Displays richtig entziffere – 11,50 € Parkgebühr.
- Dagkaarten
- Nicht zu lesendes Display
Derweil ich versuche, das Display zu lesen, geht Susanne zum Klo. Das ist natürlich zu. Warum auch nicht! In Harderwijk kann man wirklich gar nichts nutzen, zumindest nichts, wenn irgendwo der Name „Dolfinarium“ in der Nähe steht. „Super tolles Freizeitpark-Konzept, von irgendeinem Dödel an jeglicher Realität verbeigeplant!“ Die Stimmung kippt jetzt endgültig. Wir sind bis zum Anschlag verärgert und beschließen, nicht nach Hause, sondern weiter nach Anna Paulowna zu fahren.
„Harderwijk, nie wieder!“ Hoffentlich kommen wir aus dem Teufelskreis wenigstens wieder raus. So bleibt am Ende des Nachmittags vor allem eine Erkenntnis: Man kann sehr nah am Ziel sein – und trotzdem komplett daran vorbeifahren, wenn Infrastruktur, Umleitungen und Erwartung nicht aufeinander abgestimmt sind und gleichzeitig in alle Himmelsrichtungen zeigen.
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Erst später zu Hause fügt sich das Bild für uns zusammen: Der gesamte Bereich rund um das Dolfinarium ist – seit wir des letzte Mal hier waren – stark umgebaut worden. Die direkte Zufahrt zum Haupteingang gibt es nicht mehr. Stattdessen wurde der komplette Verkehr ausgelagert, unter anderem auf große Parkflächen wie den P8. Dieser dient als sogenannter Overflow-Parkplatz. Vor Ort bedeutet das: ein großer, funktionaler Parkplatz ohne sichtbare Verbindung zum Ziel. Im Nachhinein: absolut logisch. Im Moment: eher nicht. Der eigentliche Eingang liegt heute auf der sogenannten Dolfinarium-Insel – einer verkehrsberuhigten Zone mitten in der Waterfront, die nur noch für Fußgänger zugänglich ist. Dorthin fährt vom P8 ein Shuttlebus, aber nur – bei starkem Besucherandrang Heut ist Dienstag und wenig los, also fährt auch nichts. Nur, das sagt einem keiner. Noch nicht mal auf Holländisch. Und genau das hat uns unterwegs komplett aus dem Konzept gebracht: Wir waren zwar da – aber gleichzeitig doch nicht. Sperrungen, Umleitungen und widersprüchliche Navi-Anweisungen haben aus „fast angekommen“ ein kleines verkehrstechnisches Endlosrätsel gemacht. Wir waren also nicht wirklich verloren, sondern nur in einem System unterwegs, das seine eigene Logik sehr gut versteckt hat. Und so haben wir das Projekt „Dolfinarium Harderwijk“ schließlich entnervt aufgegeben. |
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